Wenn Interpretation gar nicht Interpretation ist

Ich wurde vor kurzem gefragt, wie man denn bitteschön Peirce und seine Theorie der Logik, Semiotik und des Pragmatismus mit dem Thema Film zusammenbringt. Interpretation sei nun mal Interpretation – das leidige Thema. Ich versuchte mich in einer Antwort, holte weit aus, fand mich überzeugend, fand allerdings kein Verständnis beim Gegenüber.

Heute lese ich zur Vorbereitung einer Sitzung über die Peircesche Semiotik noch einmal in Sekundärliteratur zu diesem Thema und finde folgendes Zitat:

“Wenn ich eine Situation betrachte, so sehe ich Gegenstände und Relationen, Hinter- und Abgründe auf eine beziehungsstiftende Weise, die kein Bild festzuhalten weiß. Deshalb sind es erst die Beziehungen zwischen Bildern, die unserem Sehen seine eigene Dynamik noch einmal vorzuspielen scheinen. Film und Fernsehen, Spiegel und Kaleidoskop stehen in dieser irritierenden Wechselwirkung zu der Dynamik unseres alltäglichen Blicks. Denn was ist z.B. ein Film anders als eine Folge von Bildern, die durch ihre Abfolge für einen Betrachter in eine dynamische Beziehung zueinander gebracht worden sind? Die Bedeutung dieser visuellen Medien für die Philosophie des Geistes und für die formale Logik wird auch heute noch häufig übersehen. Doch die Dynamik der Abfolge von bedeutungsvoll verknüpften Bildern gehorcht ebenfalls einer logischen Form geistiger Prozesse.”
(Helmut Pape, Charles Sanders Peirce zur Einführung, 2004, S. 43)

Film ist zwar viel mehr als “nur” eine Folge von Bildern, aber der Ansatz, der hier hervorgehoben wird, ist genau der, den ich in meiner Arbeit verfolge, um zu erklären, wie Film verstanden wird und wie wir Bedeutung aus den einzelnen Bildern, Tönen, Musik, Sprache konstruieren – nämlich indem wir sie in ihrem dynamischen Zusammenspiel in Verbindung zueinander setzen. Diese Verbindungen funktionieren nach grundlegenden logischen Beziehungen wie zum Beispiel dem Ursache-Wirkung-Prinzip oder dem eines Parallelismus. Wenn etwas nicht zueinander passt und wir absolut keine Beziehung zwischen den Teilen herstellen können, stehen diese im Gegensatz/Kontrast zueinander. Auch dies ist eine logische, relationale Form, die eine Bedeutung ermöglicht.

Bilder im Film sind Zeichen, aber es sind keine arbiträren Zeichen, d.h. sie sind nicht willkürlich mit einer Bedeutung versehen, sondern bekommen erst in der Verbindung mit anderen Zeichen ihre Bedeutung. Alfred Hitchcock erklärt das sehr charmant in dem folgenden Video über den so genannten Kuleshov Effekt, der genau diese Eigenschaft von filmischen Zeichen zur Grundlage hat und in filmischer Montage zum Ausdruck kommt, wenn diese Zeichen ihre Bedeutung durch die Verknüpfung mit anderen Zeichen bekommen.

Die Bedeutung, die wir aus dem Bild Hitchcocks ziehen, interpretieren wir in Verbindung zu dem vorhergegangenen Bild. Natürlich können wir dem Bild an sich auch eine Bedeutung zuweisen oder zumindest behaupten, dass es dieses und jenes zeigt. Aber es geht im Film ja gerade nicht darum, das einzelne Bild hervorzuheben, das vielleicht nur zufällig mit anderen verbunden ist, sondern genau diese Verbundenheit macht aus, was wir als filmisch, Hitchcock als ‘cinematics’ bezeichnet.

Peirce bezeichnet diese Verbindung als ‘logische Form’, weil sie, wie oben schon gesagt, logischen Prinzipien folgt, die wir aufgrund unseres Weltwissens verstehen können. Für ihn ist die logische Form “die Form der Verbindung [...], durch die objekt- und denkbezogene Bedingungen so zusammenkommen, dass ein wahrheitsfähiges Verstehen gelingt” (Pape 2004: S. 46).

Und weil diese logischen Prinzipien zumindest grob verallgemeinert werden können, können wir auch grob verallgemeinern, wie wir Film verstehen, ohne dass wir dafür 100 oder mehr verschiedene Zuschauer befragen. Dies ist der so genannte objektive Status, der die logische Eigenschaft zu einem “Objekt des Denkens von beliebig vielen Personen macht” (Pape 2004: S. 44). Die Verbindungen zwischen den Bilden Hitchcocks und der Dame mit Kind und der Dame mit Bikini werden, so glauben wir, von den meisten Zuschauern genau so verstanden wie Hitchcock es andeutet. Als Filmemacher setzt er die filmische Montage danach und deswegen ein. Und wir als Filmanalytiker können diese Prinzipien nehmen, um sie textanalytisch anzuwenden.

Interpretation ist hier nicht die Interpretation, dass Hitchcock Bikinis und die Frauen darin liebt und dass sein Lächeln möglicherweise anzüglich verstanden werden könnte. Es ist eigentlich lediglich die Analyse, dass er lächelt, weil, oder noch einfacher: nachdem er eine Frau im Bikini oder eine Frau mit Kind gesehen hat. Mehr aber nicht. Diese Bedeutung konstruiert der Text, weil er so angeordnet ist. Was der Zuschauer daraus macht, kann man textanalytisch nicht untersuchen.

12. Januar 2012 von Janina
Kategorien: Film, Literatur, Video, Zitat | 3 Kommentare

Rabbit Eye: Neuer Call for Paper

Die Kollegen von Rabbit Eye haben einen neuen Call for Paper ausgegeben. Die fünfte Ausgabe der Online-Zeitschrift soll sich mit dem Thema “Film in digitalen Medien” beschäftigen. Einige Fragen dabei sind:

“Welche Rolle spielt das Medium Film für die Digitalen Medien? Wie verändern sich nicht-filmische Medien durch die Integration filmischer Elemente? Inwiefern wirken sich diese Implementationen auf das Medium Film aus? Wie hat sich die Integration filmischer Elemente in Digitalen Medien historisch entwickelt? Wie ist der Bezug dieser Entwicklung zur Geschichte des Mediums Film?”

Die Herausgeber hoffen auf Beiträge, die sich mit dem Filmischen in unterschiedlichen Digitalen Medien auseinandersetzen. Dies können Einzelanalysen sowie auch Beschreibungs- oder Theoriemodelle sein.

Weitere Einzelheiten auf den Rabbit Eye-Webseiten oder direkt im Call.

09. Januar 2012 von Janina
Kategorien: Film, Konferenzen | Schreibe einen Kommentar

← Ältere Artikel